Bellikon, Berikon, Bremgarten, Eggenwil, Fischbach-Göslikon, Hermetschwil-Staffeln, Künten,
Niederwil-Nesselnbach, Oberwil-Lieli, Rudolfstetten-Friedlisberg, Widen, Zufikon
Leitartikel
Was glauben wir?

Was glauben wir?

Leitartikel treffpunkt-kirche Ausgabe 7 / 8, Juli / August 2018

In unserem Konvent aller Pfarrpersonen und Sozialdiakone führen wir zwei bis drei Mal im Jahr einen theologischen Austausch durch. Wir stellen uns selber Fragen über Gott und den christlichen Glauben und setzen uns dabei rege mit unseren unterschiedlichen Glaubenserfahrungen und Ansichten auseinander.

Für mich ist ein solcher Diskurs immer eine Bereicherung, eine Horizonterweiterung – solange anderen Glaubensüberzeugungen mit Respekt begegnet wird – und dies geschieht meiner Meinung nach in unserem Konvent sehr wohl.

Kürzlich haben wir uns mit der Frage auseinandergesetzt, ob, bzw. wie, Gott in dieser Welt wirkt und handelt. Zu dieser Frage möchte ich zunächst zwei sehr gegensätzliche Positionen, die es in der Theologie gibt, darlegen:

Auf der einen Seite steht da der Deismus, bei dem zwar an einen Schöpfergott ge-
glaubt wird, der aber nach vollendetem Werk nicht weiter in das Geschehen dieser Welt eingreift. Der deistische Theologe Leibniz sprach von Gott als einem Uhrma-
cher, der das von ihm hergestellte perfekte Uhrwerk in Gang setzte, welches seit-
dem von selbst weiterläuft. Das Wirken Gottes in dieser Welt und somit auch an und in uns Menschen wird im Deismus verneint. Ein solcher Gott wirkt auf mich sehr fern und desinteressiert an uns Menschen und hat meiner Meinung nach nicht mehr viel mit dem Gott aus der Bibel, der sich nach Gemeinschaft mit uns Menschen sehnt, zu tun. Dafür wird der freie Wille des Menschen hochgehalten.

Dies im Gegensatz zur Gegenposition des Deismus – die Prädestinationslehre (Vorherbestimmung). Dort ist der Wille des Menschen absolut unfrei, da der all-
mächtige und allwissende Gott jedes Ereignis in dieser Welt in seinem unver-
rückbaren Plan vorherbestimmt hat. So bewegt sich auch der Mensch in diesem göttlichen Plan wie eine Marionette, deren Fäden Gott in den Händen hält. Auch dieses Gottesbild schreckt mich eher ab. Denn der Mensch ist in der Prädestina-
tionslehre absolut unfrei, auch unfrei in Bezug darauf, ob er sich für oder gegen
das Beziehungsangebot von Gott einlassen will. Wir sind entweder erwählt oder verworfen. Diese Theologie vertrat u.a. der Genfer Reformator Johannes Calvin.

Wer hatte nun Recht? Leibniz oder Calvin? Oder beide nicht? Oder haben vielleicht sogar beide nicht Unrecht, haben einfach diesbezüglich ein eher inkomplettes Gottesbild?

Ich selber bin überzeugt, dass Gott in dieser Welt wirkt. Und zwar geschieht dies in erster Linie dadurch, dass er in uns Menschen wirkt. Dies ist oft ein zunächst un-
scheinbares, ein verborgenes Wirken. Er möchte vor allem die Herzen von uns Menschen verändern, damit wir seine Hände werden können, um anderen Men-
schen zu dienen und damit wir seine Füsse werden können, um seine Liebe in die Welt zu tragen. So handelt Gott in den meisten Fällen total „unspektakulär“ und für viele Menschen ist dies nicht als Gottes Handeln erkennbar. Sehr selten dagegen greift Gott unmittelbar und übernatürlich ein. Warum ist das so?

Gott will sich uns Menschen nicht aufdrängen, Gott will uns Menschen nicht mit Zeichen und Wunder einschüchtern, damit wir ihm gehorchen (dies hat z. B. beim Volk Israel unter Mose auch nicht wirklich funktioniert ). Gott möchte in erster Linie mit uns in eine Beziehung treten und zwar in eine liebevolle Beziehung. Und weil diese Beziehung nicht auf gleicher Augenhöhe stattfindet, muss sich Gott extrem zurückhalten, klein machen, damit wir diese Beziehung überhaupt ertragen können. Er macht sich so klein, dass er Mensch wurde und im Gegenüber von Jesus Christus ist eine ebenbürtige Beziehung zu Gott erst möglich. Und so wirkt und handelt Gott meist nur wie ein Windhauch, so wie er auch dem Propheten Elija auf dem Berg Horeb begegnet ist (1. Kön 19,12). Er war nicht etwa im Sturm oder im Feuer oder im Erdbeben, wie es Elija erwartet hat und wie wir es auch oft erwarten, sondern als leises Brausen, das uns zart umgibt.
                                                                       Manuel Keller, Sozialdiakon